Alte Feuerwache durch Jugendherberge belebt
Morgens frühstücken die Gäste in der Fahrzeughalle, mittags treffen die Gewerkschafts-Senioren ein und beziehen den angemieteten kleinen Seminarraum. Am Abend dann kommt es in der Alten Feuerwache mitten in Plauen dank der „Freien Presse“, einer Tageszeitung der Region in Sachsen, zum großen Show-down. Baubürgermeister Manfred Eberwein (62) muss Rede und Antwort stehen. Er ist in die Kritik geraten, hat doch das neuverlegte Pflaster in Plauen einen zu großen Rutsch-Grad und auch ein Parkplatz erhitzt die Gemüter. Doch bei einem Thema sind sich Bürger, Verwaltung, Kommunalpolitik und nicht zuletzt auch die Feuerwehr einig: Die Entscheidung in die Alte Feuerwache inmitten der Stadt eine Jugendherberge einziehen zu lassen – die war richtig. Auch daher finden alle genannten Veranstaltungen hier statt und nicht irgendwo anders.
Plauen im Vogtland war schon zu DDR-Zeiten bekannt – und zwar für seine Spitze. Noch heute ist die „Plauener Spitze“ eine weltweit geschützte Marke des Branchenverbandes Plauener Spitzen und Stickereien. Das Qualitätssiegel steht für regional erzeugte Stickerei-Erzeugnisse der Verbandsmitglieder. Seit 2007 steigt die Bekanntheit Plauens allerdings aus einem anderen Grund: der Jugendherberge. Herbergsleiterin Anja Olbrich (36) hat durch ihr Engagement dazu beigetragen, dass aus der Spitze nun eine Spritze, eine Feuerwehrspritze wurde: „Unsere Jugendherberge war außerhalb der Stadt und lief nicht mehr so gut. Dann stand die Alte Feuerwache über Jahre leer und so kam die Idee, in dieses Gebäude eine Jugendherberge einzubauen.“ Der Umbau startete, 3,8 Millionen Euro wurden in das alte Gebäude investiert. Nicht nur vom Trägerverband, dem Deutschen Jugendherbergswerk Landesverband Sachsen e.V., sondern auch von der Stadt. Die Diplom-Betriebswirtin Anja Olbrich kommt eigentlich aus einer ganz anderen Ecke, der gehobenen Gastronomie und Hotellerie: „Wir wollen hier aber eben kein Hotel sein. Bei uns steht ‚Gemeinschaft erleben‘ ganz oben. Hier treffen sich Skifahrer und Babys, Jugendliche und Behinderte. Auch viele Feste und Seminare haben wir im Haus. Auf diese Mischung sind wir total stolz!“ Die Kameradschaft und besondere Kollegialität, die in einer Feuerwehr vorherrscht, ist also auch bei der neuen Nutzung als Jugendherberge gegeben.
Ein ganz anderes Bild zeigt sich an diesem Tag in der Alten Feuerwache: Während die Senioren im schönen Seminarraum mit Dachschrägen zufrieden ihren Computer und Beamer einpacken, baut die „Freie Presse“ kurz danach ihre Werbewand in dem Raum auf: „Bürger-Forum“ steht groß auf dem Plakat und unten geben sich die Menschen die Klinke in die Hand. Fast 200 Leute strömen in den fünften Stock – der behindertengerechte Aufzug fährt ununterbrochen von unten nach oben. So viele Menschen – die Feuerwache ist zum Mittelpunkt des Lebens in der Stadt geworden. Anja Olbrich und ihre beiden Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun: „Wir haben acht Voll- und Teilzeit-Mitarbeiter und zwei Zivis.“ Die Zivis sind es dann auch, die an solchen Veranstaltungstagen nach 23 Uhr die Stühle wegräumen und den Boden wischen. Ohne die Zivildienstleistenden wäre die Jugendherberge trotz sehr guter Auslastung wirtschaftlich kaum zu betreiben. Es ist also auch ein bisschen wie in einer Freiwilligen Feuerwehr – ohne Idealismus und sozialer Neigung funktioniert das System einfach nicht.
Am nächsten Morgen sind die Spuren der Großveranstaltungen im Obergeschoss verwischt und auch der Speisesaal in der alten Fahrzeughalle glänzt wieder. Denn während oben der Baubürgermeister dem Unmut und Unverständnis seiner Bürger lauschte und gegenargumentierte, gab es auch im Erdgeschoss eine Veranstaltung. Dafür mussten alle Tische verschoben werden und morgens wieder stehen - was sie leider nicht hundertprozentig tun: „Das verstehe ich nicht, wie man das so hinbauen kann“, stöhnt Anja Olbrich. Die Zivis schlafen noch, ruhen sich vom anstrengenden Vortag und dem Tische-Schieben weit nach Mitternacht aus.
Olbrich hat eine strenge Hand mit ihren Mitarbeitern, mag dennoch gerne Kumpel sein. Sie verlangt im Job absolute Disziplin – Scherze jedoch sind immer erlaubt. Nachdem die Tische wieder an Ort und Stelle stehen, kann das Tagesgeschäft bewältigt werden. Dazu gehört auch, die Teilzeitkräfte einzuweisen, die hier teilweise ihre durch Richter aufgebrummten sozialen Stunden abstottern.
Bei Anja Olbrichs Arbeit ist immer Freude über das Erreichte dabei: „Wir haben einfach ein schönes Haus und darauf bin ich stolz“, sagt die quirlige, schlanke Frau mit den roten Haaren während des Rundgangs. Natürlich trägt sie wie alle Mitarbeiter ein rotes Polo-Shirt: „Die 112 nah am Herzen“, sagt sie grinsend. Die Herbergsmutter, die keine sein will: „Herbergsmutter, wie das klingt - fürchterlich! Also, ich bin ja gerne Mutter meiner Kinder – aber Herbergsmutter, wissen Sie, das geht gar nicht!“ Im Haus klingelt schon wieder eines der vielen schnurlosen Telefone. „Die Alte Feuerwache, Jugendherberge in Plauen, Anja Olbrich, guten Tag“, schallt es durch die Räume, der Rundgang geht nämlich weiter – sie ist ja multitaskingfähig. Sie geht voll auf, lässt einen nicht aus den Augen, ist nah am Besucher dran. Sie brummt und sie bestimmt. Fast scheint es, als sei sie Wehrführerin in einer Feuerwehrwache – ja, das würde passen.
Es gibt natürlich auch barrierefreie Zimmer, Einzelzimmer und Doppelzimmer und alle haben Dusche und WC, betont die Herbergsleiterin: „Wir freuen uns sehr zu den Jugendherbergen der vierten Kategorie zu zählen. Das ist Höchststandard.“ Die Kategorie wird unwichtig als die erste Tür zu einem Schlafraum aufgeht… Hier in Plauen ist nämlich alles ganz anders als in den alten Jugendherbergen, die man aus seinen Kindertagen gewöhnt ist: Die Wände strahlen in einem hellen, freundlichen beige. Der Boden ist sauber. An einigen Wänden blitzen frech einige Graffitis auf – keine Schmierereien – es sind Kunstwerke mit Feuerwehrbezug. Es geht weiter in ein Familienzimmer – ein Reizthema für die 36-Jährige: „In den ersten Planungen waren kleine Zimmer vorgesehen, dicht an dicht. Da habe ich meinen Austritt aus dem Projekt beschworen. Ich wollte zusammenhängende, aber einzeln verschließbare Zimmer mit eigenem Bad. Warum? Ganz einfach: Eltern lieben es, wenn sie auch einmal die Tür hinter sich zu machen können. Und voilà – da haben wir sie, die Familienzimmer – und unsere Gäste lieben sie.“ Neben den Familienzimmern mit drei und vier Betten besitzt die Jugendherberge außerdem drei Familienappartements – der Nachwuchs kann also kommen.
Anja Olbrich lässt die Gedanken kreisen, wenn sie denn dazu kommt und das Telefon nicht wieder klingelt: „Wir starten in diesem Jahr noch das Projekt ‚Feurige Kids in Aktion‘. Dann wird es im Hof Dank der Feuerwehr einen Parcours geben. Das arbeiten wir gerade mit den Berufsfeuerwehrleuten aus. Und schon jetzt können alle Gäste der Alten Feuerwehr die neue Wache besichtigen. Wir stellen da immer gern den Kontakt her.“ Auf die Frage, ob denn so viel Trubel von außen die Feuerwehrleute nicht nerven würde, kommt ein entschiedenes: „Nein! Die lieben uns!“ Außerdem seien die Feuerwehrleute froh über die tolle Bestimmung ihrer alten Heimat. „Das kann man sich doch vorstellen. Das Gebäude wäre sonst verkommen und heute kommen sie auch sehr gern wieder her. Einige Kollegen wollen sogar wieder einziehen. Weil es jetzt noch viel schöner ist als früher“, sagt Olbrich und schmunzelt. Dass die Beziehung zwischen den Feuerwehrleuten und den Mitarbeitern der Jugendherberge eine der besten ist, lässt sich schnell belegen. Im alten Schlauchturm gibt es seit Kurzem eine Ausstellung zum Thema Feuerwehr. „Die haben uns die Berufsfeuerwehrleute zum zweijährigen Bestehen geschenkt“, sagt Anja Olbrich.
Dann fährt eine Drehleiter am Gebäude vorbei – schnell raus, schauen was da los ist. Entwarnung, kein spannender Einsatz – aber etwas Seltenes: Von einem leer stehenden Gebäude drohen Eiszapfen und Schnee auf den Gehweg zu stürzen. Teile der Fassade liegen schon auf dem Boden vor dem leer geräumten und verlassenen Bekleidungsgeschäft. Zwei Feuerwehrleute sind im Einsatz. Als sie erfahren, dass der Dräger Feuerwehr-Reporter extra aus Hamburg nach Plauen gekommen ist, nur für die Alte Feuerwache und neue Jugendherberge, freuen sie sich: „Ja, das ist schon etwas ganz Besonderes.“
Übrigens, Hochbetten gibt es noch immer noch in der alten Feuerwache: Heute sind die Gestelle aber aus hellem Holz, haben eine ausreichende Liegefläche und angenehme Matratzen ohne Metallfederkerne. Vor allem werden sie von den Kindern geliebt, weil einer immer oben schlafen darf und (Feuerwehr)-Chef sein kann. Vielleicht kommen daher auch so viele Besucher in die Alte Feuerwache: Das Gebäude hat einfach ein ganz besonderes Ambiente – und nette Mitarbeiter, die sich über jeden Gast freuen.