Tunnel-Feuerwehr im Aufbau - Feuerwehr Stadt Rödental

Die „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“, kurz VDE, bescheren viel Arbeit in Deutschland. Im Rahmen dieser Projekte wird auch zwischen Nürnberg, Erfurt und Berlin kräftig gebaut (VDE Nr. 8), damit der ICE hier und zwischen Halle und Berlin bald mit gut 300 Kilometer pro Stunde fahren kann. Damit dies möglich wird, müssen neue Bahnschienen verlegt werden. Diese dürfen weder ein allzu großes Gefälle noch eine allzu große Steigung haben, sondern sollen so gut wie möglich waagerecht verlaufen. Doch das geht nur, wenn es Tunnel durch Berge und Brücken über Täler gibt.

Was all das mit der Feuerwehr zu tun hat? Ganz einfach – irgendwer muss ja für die Sicherheit während des Betriebes sorgen. Die Aufgabe für den abwehrenden Brandschutz und die Hilfe im Katastrophenfall bei einem Unglück übernimmt zu großen Teilen die Feuerwehr. So kam es, dass eine kleine städtische Feuerwehr nun plötzlich vor ganz neuen Aufgaben steht. Eine Umgehungsstraße wird gerade dazu im Einsatzgebiet der Feuerwehr Rödental gebaut – so viele neue Einsatz-Schwerpunkte bedürfen guter Planung und Abstimmung mit unterschiedlichsten Gremien.

Kurz vor dem Tunnel-Ende - hier wird abgetragener Berg verladen

Kurz vor dem Tunnel-Ende - hier wird abgetragener Berg verladen

Gut drei Kilometer bohrt sich der Tunnel durch den Reitersberg. 5,6 Kilometer ist der gesamte Bauabschnitt lang, der ab 2017 von der Deutschen Bahn in Betrieb genommen werden soll. „Wir sind gut im Zeitplan, sogar etwas weiter als nötig“, sagt Diplom-Ingenieur Niklas Hirche (37), der für die Arbeitsgemeinschaft Rödental – Tunnel Reitersberg bestehend aus Afred Kunz Untertagebau, Swietelsky Tunnelbau und Leonhard Weiss als Projektleiter fungiert: „Wir können der Feuerwehr zwar genau sagen, was für Gefahren im Tunnel vorherrschen, was wir lagern. Aber was die Feuerwehr für Technik braucht, das wissen nur die Feuerwehrleute selber.“ Doch genau hier mussten die Feuerwehrleute viel lernen und sind noch immer dabei. Denn Planungsstart der Bauarbeiten für den Tunnel Reitersberg in der Nähe des 14.000 einwohnerstarken Rödental war zwar schon im Jahre 2008, das Konzept für die Fremdrettung jedoch musste nach Baubeginn gemeinsam mit Deutscher Bahn, ARGE und Feuerwehr erstellt werden: „Wir haben alles bisher selber erarbeitet. In ganz Bayern gibt es keine vergleichbare Aufgabe, nichts Aktuelles. Die Planungen der Strecke Nürnberg - München sind auf die Neubaustrecke durch geänderte Bedingungen nicht mehr anwendbar“, bestätigt Stefan Zapf (49), der zuständige Kreisbrandmeister des Landkreises Coburg, in dem Rödental liegt. Bisher hatten die Feuerwehrleute aus Rödental eher ein beschauliches Einsatzgeschehen mit langsam gewachsenen Schadenslagen. „Keine Autobahn-Auffahrt, keine Tunnel, dafür liegt aber ein Teil des Gefahrgutzuges des Landkreises Coburg schon lange bei uns“, sagt Michael Deschner (33), der stellvertretende Kommandant in Rödental.

Das alte LF 16TS wurde umgebaut zum S-LF für Tunnel-Einsätze

Das alte LF 16TS wurde umgebaut zum S-LF für Tunnel-Einsätze

Technische Hilfe, Brandschutz, etwa 150 Einsätze im Jahr inklusive der Brandsicherheitswachen beim Fasching in der örtlichen Dreifachturnhalle. Das war es. Deschner arbeitet wie fast die gesamte Führungsriege der Feuerwehr Rödental in der Industrie, er speziell im Bereich Automobile, er kennt sich mit Technik aus. „Es wurde von Anfang an im Prinzip klar, dass wir mehr Aufgaben erhalten. Zu Beginn konnten wir insgesamt wenig tun – nur zuschauen. Recht schnell wurde von uns aber viel verlangt“, so Deschner. So haben sich die Feuerwehrleute dann auch viel einfallen lassen:

Michael Deschner (33), stellvertretender Kommandant in Rödental

Michael Deschner (33), stellvertretender Kommandant in Rödental

Eine weltweit einzigartige und bisher nur in Bergbauminen in Amerika und Australien schon im Einsatz befindliche „Charge Air“-Anlage wurde gleich in doppelter Ausfertigung beschafft. Diese sorgt dafür, dass schon während des Baus den Atemschutzträgern nicht die Luft ausgeht. „Die Versorgungseinheit kann sogar in explosionsgefährdeten Bereichen aufgestellt werden“, berichtet Produktmanager Frank Pietrowski (39). Atemluft aus den 20 Vorratsflaschen mit einem Inhalt von je 50 Litern können in die speziell beschafften Pressluftatmer der Atemschutzgeräteträger, die einen zusätzlichen Anschluss haben, gepresst werden. So sind die Einsatzkräfte schnell wieder einsatzbereit. Ohne Kompressor und in nur einer Minute werden zwei 6,8 Liter fassende Flaschen wieder befüllt. „Dies im Notfall sogar unter Beatmung mit dem Gerät auf dem Rücken im Tunnel“, erklärt Kreisbrandmeister Stefan Zapf. „Zwölf Doppel-Atemschutzgeräte mit den besonderen Anschlusskupplungen haben wir nun beschafft. Dazu auch neue Masken. Die Kameraden haben wir speziell geschult“, sagt Steffen Schaller (42), Kommandant der Feuerwehr Rödental. Ein ehemaliges Löschfahrzeug 16 mit einer Tragkraftspritze wurde für den Transport der speziellen Atemschutzflaschen und den Einsatz im Tunnel auch extra umgebaut. Aus dem ehemaligen LF 16/TS wurde so ein S-LF – das Sonder-Löschfahrzeug Tunnel-Einsatz. Viel Geld haben Bahn und ARGE investiert, sagt Schaller: „Auch eine Wärmebildkamera sowie spezielle Tunnelfunkgeräte wurden nun angeschafft für diese Einsätze.“ Bis zur Fertigstellung werden noch zwei Rettungstunnel gebaut, mit etwa 370 und 140 Metern Angriffsweg und großen Rettungsplätzen. Verschiedenste Konzepte wurden von anderen Tunnelfeuerwehren übernommen und an die heutige Zeit und die Örtlichkeit angepasst.

In Amerika, Australien verbreitet - hier einmalig, Charge Air

In Amerika, Australien verbreitet - hier einmalig, Charge Air

Nur gemeinsam kann ein so großes Projekt umgesetzt werden. Gemeinsam mit THW, Polizei und dem Rettungsdienst sitzen die Feuerwehrleute nun mit den Verantwortlichen des Bauträgers, der ARGE Rödental – Tunnel Reitersberg und Ingenieuren der Deutschen Bahn an einem Tisch „Viele Fragen können aber erst von der Regierung, den Ministerien wirklich beantwortet werden. Fast alles läuft auf höchster Ebene“, sagt Stefan Zapf. Das Projekt hat die Verantwortlichen zusammengeschweißt. Auch wenn so manche knifflige Frage zu Spannungen führt – alle wollen eines erreichen: Die größtmögliche Sicherheit für die Bauarbeiter, die im Notfall eingesetzten Rettungskräfte und später für die Fahrgäste im dahin rauschenden ICE. „Früher waren wir hier am Rande von Deutschland, nun sind wir mitten drin und ein Drehkreuz für die unterschiedlichsten Verkehrsarten geworden“, sagt Michael Deschner. Die Grenze zum benachbarten Thüringen liegt nur etwa sechs Kilometer von Rödental entfernt, die A73 führt vorbei. Dazu haben große Firmen ihre Standorte in Rödental: Die Firma Zapf Creation ist zwar nicht mehr in Familienbesitz, aber immer noch bekannt für Kinderspielzeug mit dem rosa Logo. Große Betriebe für Elektroteile und Glas sitzen ebenso in Rödental und natürlich die Firma Goebel mit den weltbekannten Hummelfiguren. Auch für den einst insolventen Porzellanhersteller fahren täglich unzählige Lkw über die Straßen im Landkreis Coburg, mancherorts im Rödental werden die Fahrer gegrüßt von übergroßen Porzellan-Figuren auf Verkehrskreiseln. Auch auf Grund der vielen Fahrzeuge müssen sich die Rödentaler auf neue Zeiten einstellen. „Später ist geplant, dass bis zu 50 Personen-Schnellzüge am Tag die Strecke passieren, dazu folgen etwa 80 Güterzüge auch in Richtung München und Erfurt“, so Stefan Zapf ehrfürchtig. Es kommt das Gefühl hoch, erst wenn diese Zahlen länger überdacht werden, wird klar, was es für Rödental bedeutet. „Wir weisen immer darauf hin und sagen auch, wo unsere Grenzen sind. Wir müssen ja sogar an Großschadenslagen denken in denen eine Notfallseelsorge unabdingbar ist“, erklärt Steffen Schaller. Neue Funktionen und Aufgaben müssen vergeben werden – mehr freiwillige Helfer konnten die Feuerwehrleute aber bisher kaum gewinnen. „Wir haben nun den ersten Teilnehmer zum Lehrgang auf Landesebene zum Thema ‚Technische Hilfe Bahn‘ senden können. So viele gibt es dazu ja noch gar nicht, erst recht nicht im Kreis“, sagt Stefan Zapf.

Der Eingang in den Tunnel Reitersberg - noch ist er nicht fertig

Der Eingang in den Tunnel Reitersberg - noch ist er nicht fertig

Positiver Aspekt: Nicht nur die Fachleute oder Führungsriegen rücken enger zusammen. Auch die Nachbarwehren helfen mit: „Wir haben alle das gleiche Blut. Es schweißt uns zusammen. Die Ausstattungen und Unterlagen sind für alle offen und es folgen ja noch sieben weitere Tunnel. Wir sind die ersten, aber helfen gerne allen anderen“, sagen Zapf und Schaller gemeinsam. Lediglich über die Hilfe einiger offizieller Stellen sind die ehrenamtlichen Helfer etwas traurig: „Wir fühlen uns verlassen“, ist zu hören. Denn Gesetze und Verordnungen mussten mühevoll in der Freizeit gelesen und interpretiert werden. Hauptamtliche Hilfe gibt es nur von der eigenen Stadtverwaltung, die jedoch auch nur begrenzt unterstützen kann. Denn nicht nur in der Region Coburg ist das Projekt „Rödental – Tunnel Reitersberg“ einzigartig und Vorbild für weitere Bauvorhaben in ganz Bayern. Natürlich hoffen alle Beteiligten, dass es nie zu einem Unfall kommen mag. Und dennoch: Alle wollen gerüstet sein für den Fall der Fälle. Egal, ob erst während des Betriebes oder noch in der Bauphase.

Weiterführende Links:
www.FF-Roedental.de Internetseite der Feuerwehr Rödental
www.KFV-Coburg.de Kreisfeuerwehrverband Coburg
www.vde8.de Das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit (VDE Nr. 8)

Die Neubau-Strecke des ICE - (C) Deutsche Bahn

Die Neubau-Strecke des ICE - (C) Deutsche Bahn